Reisetagebuch

Über den Jahreswechsel 2012/2013 war unser Orchester auf Konzertreise durch neun chinesische Provinzen. Wir spielten auf Einladung des chinesischen Kulturministeriums zehn Neujahrskonzerte in unterschiedlichen Millionenstädten dieses riesigen Landes. Begleitet uns auf unserer Reise über fast 25.000 Kilometer! Viel Spaß mit unserem Tagebuch und den Fotos, die wir für jeden Tag zusammengestellt haben:

Samstag, 22.12.12: Hannover - Berlin - Peking - Huludao

China! Nach eineinhalb Jahren der Planung und drei zusätzlichen Probenwochenenden ist der Tag der Abreise heute endlich gekommen. Kaum zu glauben. Was erwartet uns wohl in den nächsten zwei Wochen? Wir sind auf jeden Fall gut vorbereitet! Alle großen Instrumente wie zum Beispiel die Tuben haben wir schon am letzten Donnerstag reisefertig gemacht, die Noten liegen zur Sicherheit in mehrfacher Ausfertigung vor, es kann losgehen.

Wir treffen uns um Viertel vor drei in der Nacht. An Schlaf war für die meisten daher wohl kaum zu denken, aber alle 56 Musiker trudeln pünktlich an der Feuerwache ein. Mit dem Feuerwehrbus und einem Feuerwehr-LKW voller Instrumente geht’s zum Flughafen Berlin-Tegel (Ein großes Dankeschön an die Feuerwehr Hannover für die wie immer tolle Unterstützung!). Noch ein kurzes gemeinsames Frühstück mit reichlich Kaffee gegen die Müdigkeit, dann teilt sich das Orchester in zwei Gruppen auf. Gruppe 1 fliegt via Amsterdam nach Peking, Gruppe 2 fliegt über Wien.

Sonntag, 23.12.12: Hannover - Berlin - Peking - Huludao

Morgens kommen wir nach langem Flug in China an. Alles hat reibungslos funktioniert, die Flüge waren pünktlich und unsere zwei Gruppen landen mit etwa zehnminütigem Abstand auf dem Flughafen von Peking. Am Gepäckband die Erleichterung: Auch alle Instrumente sind unbeschädigt im Reich der Mitte angekommen. Die chinesischen Organisatoren der Tournee warten schon auf uns. Nachdem jede Gruppe von einem eigenen Bus abgeholt wurde, treffen wir uns in der Beton-Tristesse einer chinesischen Autobahnraststätte zum ersten Mal auf chinesischem Boden wieder. Zum Mittagessen gibt es (doch relativ schmackhafte) Nudeln mit Fleisch aus Styroporboxen. Die Stärkung ist aber auch wirklich nötig: Immer noch kein richtiger Schlaf, und bis zu unserem ersten Hotel in Huludao sind es noch runde sechs Stunden Busfahrt!

Montag, 24.12.12 (Heiligabend): Huludao, Provinz Liaoning

Guten Morgen China! Nach einem ersten chinesischen Frühstück (an die Auswahl mit panierten Hühnerfüßen müssen wir uns erst noch gewöhnen) ist am Vormittag ein Ausflug geplant. Wir besichtigen die alte Ming-Stadt von Xingcheng. Die altehrwürdigen Mauern und die chinesische Architektur sind wirklich beeindruckend. Außerdem können wir uns - dick eingepackt – gleich einmal an die winterliche Eiseskälte Nordchinas gewöhnen. Ein Metzger bietet seine Ware auf offener Straße feil. Die Kühlkette unterbricht er damit jedenfalls nicht. Die Motorroller, die um uns herum wuseln, haben eingebaute Handschuhe am Lenker. Um diese Jahreszeit scheinen wir die einzigen Touristen hier zu sein….

Am Abend steht das erste Konzert an, und wir sind wirklich gespannt, wie uns das chinesische Publikum empfangen wird. Zwei Offiziere der Volksbefreiungsarmee in Galauniform bewachen unsere Umkleide, wir können uns also voll auf die Musik konzentrieren. Nach dem Konzert dann die Erleichterung: Die Zuhörer sind große Klasse! Das Stadttheater von Huludao ist ausverkauft, der Bürgermeister ist zufrieden und das Publikum verlangt am Ende sogar Zugaben, was in China wohl eher unüblich ist. Nach dem Konzert hat uns das Hotel eine kleine Weihnachtsfeier organisiert, jetzt werden auch die aus Deutschland mitgebrachten Wichtelgeschenke ausgetauscht. Ein Weihnachtsabend, den wir alle wohl nicht so schnell vergessen werden. Gangnam Style!

Dienstag, 25.12.12: Changchun, Provinz Jilin

Es geht weiter nach Norden! Morgens reisen wir mit dem Hochgeschwindigkeitszug die rund 550 Kilometer von Huludao in die Millionenstadt Changchun. Mittagessen bei 190 km/h. Es wird von Kilometer zu Kilometer kälter. Ankunft am frühen Nachmittag bei -18°C. Etwa selbige Temperatur erwartet uns dann am Abend auch auf der Bühne des Konzertsaals, wo wir wie jeden Abend eine kurze Einspiel- und Akustikprobe abhalten möchten. Die Bühnentechniker waren wohl bis zur letzten Minute mit dem Aufbau beschäftigt und haben die Tore der Laderampen hinter der Bühne sehr lange aufgelassen. Es ist wirklich nicht einfach, hier Musik zu machen, da unseren Blechbläsern die Ventile und Züge buchstäblich festfrieren(!) und die Holzbläser Angst um die Unversehrtheit ihrer Instrumente haben müssen (Holz kann reißen und ist dann kaum noch reparabel). Zum Konzert hat sich die Lage dann aber merklich gebessert und wir können trotz allem ein schönes Konzert geben. Erneut ist der Saal mit fast 2.000 chinesischen Zuhörern ausverkauft, und der lokale Fernsehsender zeichnet zusätzlich unser Konzert mit diversen Kameras auf. Nach dem Konzert dürfen wir Autogramme schreiben und uns für Erinnerungsfotos zur Verfügung stellen. Erste Zweifel kommen auf, ob uns das alles zu Hause überhaupt jemand glaubt! ;)

Mittwoch, 26.12.12: Changsha, Provinz Hunan

Ein Blick auf die Karte verrät uns, dass Changchun und unsere heutige Tourneestation Changsha alles andere als Nachbarstädte sind. Luftlinie messen wir etwa 2000 Kilometer, damit liegen die Städte weiter voneinander entfernt als Hannover und Moskau. Südchina ruft also und wir hoffen nach den Erfahrungen vom Vortag auf mildere Temperaturen! Doch vorher wartet naturgemäß noch eine lange Reise auf uns: Morgens um fünf geht es los, und wir fliegen mit einem Zwischenstopp in Peking nach Changsha. Aufgrund der langen Reise fahren wir dann vom Flughafen direkt zum Konzertsaal in einem noblen Hotel. Der chinesische Veranstalter hat hier in typisch chinesischer Manier wirklich wieder alles aufgefahren: Schon am Gepäckband des Flughafens empfangen uns große Werbeplakate für unser Konzert, und zur Begrüßung unseres Publikums spielt im Foyer eine Harfenistin im wallenden Engelskostüm, während die Zuhörer durch ein Spalier von Blumenmädchen den Saal betreten. Kitschig? China!

Donnerstag, 27.12.2012: Taiyuan, Provinz Shanxi

„Außer einer Reizung der Atemwege hat diese Stadt wenig Reizvolles zu bieten.“ Dieser Satz aus dem Reiseführer hat uns die Vorfreude auf Taiyuan, unsere nächste Station, ein wenig gedämpft. Daher fahren wir auch direkt vom Flughafen zum Konzerthaus, um der „Frischluft“ möglichst wenig ausgesetzt zu sein (und weil die Zeit bis zum Konzertbeginn doch etwas knapp wird). Nachdem sich alle in den Backstage-Bereich gequetscht haben, um sich umzuziehen und die Instrumente aufzubauen, kommen wir auf die Bühne. Der Saal ist so groß, dass man die Erdkrümmung erkennen könnte, wenn der Smog hier drinnen nur nicht so dicht wäre.

Skurril dann der Konzertbeginn: Gerade als wir uns zu wundern beginnen, weil kaum ein Zuhörer zu sehen ist, teilt uns der Veranstalter mit, dass wir den Konzertbeginn um 25 Minuten verschieben müssten. In Taiyuan herrscht ein riesiges Verkehrschaos und unser Publikum steckt schlicht und einfach im Stau. Tatsächlich: Als wir die Bühne mit entsprechender Verspätung betreten, ist das Haus voll! Zum Ende des Konzerts lässt das Publikum bei uns regelrecht ein wenig Heimatgefühl aufkommen, als es uns mit Hilfe des chinesischen Moderatoren-Duos auf Deutsch ein "Frohes neues Jahr" wünscht!

Freitag, 28.12.2012: Chengdu, Provinz Sichuan

Der zweite Ausflug steht an, und es geht in die größte Panda-Aufzuchtstation der Welt, den Panda-Park in Chengdu. Und weil man nirgends sonst so viele kleine, große, rote und Baby-Pandas auf einem Haufen sehen kann, werden auch direkt geschätzte 800.000 Fotos davon gemacht. Aber die sind ja auch alle sooooo süß! Nach einer dreiviertel Stunde ist wieder Schluss mit dem touristischen Programm und es geht weiter zum Hotel. Und als ob unsere Stoßgebete erhört worden sind, haben wir nicht nur etwas Zeit zum Ausruhen vor dem Auftritt, der Saal befindet sich sogar direkt im selben Haus! Also keine aufreibende Anreise durch den chaotischen chinesischen Stadtverkehr und kein zusätzlicher Transport der Instrumente. Wer gehofft hatte, nach dem Konzert schnell schlafen gehen zu können, um das Defizit der letzten Tage etwas abzubauen, der hat sich gründlich geirrt: Am Abend wartet noch eine Überraschung auf uns. Es geht zum Hot-Pot-Essen. Das ist hier ungefähr so wichtig wie das Käsefondue für die Schweizer. Und so lernen wir die chinesische Esskultur hautnah und unzensiert kennen, was die einheimischen Chinesen, die auch in dem Lokal essen, sichtlich erfreut. Es gibt sogar ganz mutige, die sich an die besonderen „Köstlichkeiten“ des Hauses wagen: Zum Beispiel ein rohes Schweinehirn zum Selbergaren. Lecker!

Samstag, 29.12.2012: Wuxi, Provinz Jiangsu

Erste Ermüdungserscheinungen machen sich langsam bemerkbar. Auch kein Wunder, wenn die durchschnittliche Schlafdauer der letzten Tage lediglich vier Stunden betrug und der größte Teil des Tages aus Umherfahren und –fliegen besteht. Und wenn das servierte Flugzeugessen dann so appetitlich ausschaut (siehe Foto), motiviert das auch nicht unbedingt. Es ist also verständlich, dass zwischenzeitlich so etwas wie ein leichter „Lagerkoller“ aufkommt. Ein paar Details hellen die Stimmung aber sofort wieder auf: So kommt in unserem exklusiven Business-Hotel und bei der eindrucksvollen Vermarktung unseres Orchesters im Rahmen des Konzert ein wenig „Star“-Gefühl auf.

Sonntag, 30.12.2012: Suzhou, Provinz Jiangsu

Nun ist es soweit: Wir haben den Durchbruch geschafft und sind auf der ganz großen Bühne angekommen! Dieses Gefühl kommt zumindest auf, als wir mittags das Konzerthaus im Suzhou Culture and Arts Centre besichtigen. Das Konzerthaus gehört zu den zehn besten Konzertsälen der Welt. In der dortigen „Ahnengalerie“ hängen unter anderem weltberühmte Sinfonieorchester aus Berlin, San Francisco, Prag und Shanghai. Gestern war das Staatsballett aus Kiew zu Gast. Keine schlechten Vorgänger also. Doch vorher wird erst einmal noch eine kleine Stadtbesichtigung gemacht, schließlich gilt Suzhou als eine der schönsten Städte Chinas und wird nicht umsonst das „Venedig des Ostens“ genannt. Wir besichtigen einen der vielen Gärten der Stadt und stöbern ein wenig an den Verkaufsständen für die Touristen. Auf einem Parkplatz kommt es leider zu einem kleinen Unfall, als eine unserer Klarinettistinnen von einem unaufmerksamen Autofahrer angefahren wird. Zum Glück ist die chinesische Polizei schnell vor Ort und bald kann leichte Entwarnung gegeben werden, es ist zum Glück nichts Schlimmeres passiert. Erleichtert geht es zum Konzert zurück ins ausverkaufte Culture and Arts Centre, das am Abend spektakulär illuminiert wird und so ein wenig an die Allianz Arena in München erinnert.

Montag, 31.12.2012 (Silvester): Nanjing, Provinz Jiangsu

Es ist Silvester! Und nachdem wir schon in Chengdu landestypische Speisen genießen durften, werden uns hier zum Mittag erneut regionale Spezialitäten serviert. Was sicherlich gut gemeint ist, stößt bei uns hungrigen Deutschen eher auf Misstrauen. Denn nicht jeder findet Entenschnäbel, Hühnersuppe inklusive -köpfen oder Schildkrötenfleisch (stilvoll um den Panzer drapiert) so appetitlich. Und da die Chinesen ihr Neujahr erst im Januar feiern, sind wir nach einem tollen Konzert um kurz vor Mitternacht auch die Einzigen, die ganz gebannt auf die Uhrzeit schauen. Nachdem die Runde dann durch ein paar Musikerwitze auf Touren gebracht wurde, können 56 durstige Musiker mit ganzen 12 Flaschen chinesischem Bier auf das neue Jahr anstoßen! In diesem Sinne: Xīn nián kuài lè!!! (新年快!)

Dienstag, 01.01.2013: Peking

Früh morgens geht es mit dem Flieger nach Peking. Und während wir am Neujahrsmorgen vor dem Check-In-Schalter Schlange stehen, feiern unsere Familien daheim in Deutschland den Jahreswechsel. Unsere Wünsche werden erfüllt, und wir machen endlich einmal Sightseeing. Es herrscht zwar noch nicht der schlimme Smog, wie er die Stadt ein paar Wochen später einhüllen sollte, dafür ist es aber ganz schön kalt und äußerst windig. So laufen wir dick eingepackt durch die verbotene Stadt, den Sitz der chinesischen Kaiser. Anschließend ist noch Shopping angesagt, und nachdem sich das halbe Orchester mit neuen Kopfhörern ausgestattet hat, fahren wir ins Poly Theater. Nach dem Culture and Arts Centre in Suzhou ist dies der zweite Saal, der uns wirklich umhaut. Deswegen wird an diesem Abend auch, trotz leichter Nachwehen von Silvester, hochkonzentriert musiziert! Es sind sogar ein paar in Peking wohnhafte Europäer im Saal, denen wir mit unserem Neujahrskonzert ein wenig Heimatgefühl nach Fernost bringen können.

Mittwoch, 02.01.2013: Tianjin

Heute Abend steht unser letztes Konzert auf dem Tourneeplan. Nach Tianjin wird es gehen, was für chinesische Verhältnisse von Peking aus nur ein Katzensprung ist und zur Abwechlung mit dem Bus zu bewältigen ist. Da wir aber vorher noch einen Abstecher zur Chinesischen Mauer machen wollen, wird daraus eine mehrstündige Fahrt. Es lohnt sich. Der Mauerabschnitt, den wir uns anschauen wollen, ist relativ abgelegen und daher keiner der berühmten und überlaufenen Orte, wo große Reiseveranstalter massenweise Touristen durchschleusen. Langsam schlängelt sich also unser Bus zum ersten Mal über kleine Landsträßchen und wir sehen im Vorbeifahren anstatt monotoner Autobahnen und betonierter Städte zur Abwechslung einmal ein paar kleine Dörfer auf dem Land und sogar ein kleines Skigebiet. Die Temperatur ist - wie mittlerweile gewohnt - eisig und die einfache Verglasung unseres Busses aus chinesischer Fabrikation erweist sich als heimtückisch: Wer nicht aufpasst, friert mit der Jacke daran fest.

Die Chinesische Mauer ist wirklich großartig. Majestätisch schlängelt sie sich zu uns ins Tal herab und verschwindet dann wieder steil über die Berge. Die Luft ist temperaturbedingt glasklar und es ist keine Wolke am Himmel, wir genießen die freie Zeit auf der Mauer und es werden viele Fotos gemacht.

Dann also Weiterfahrt nach Tianjin. Leider ist dem Busfahrer wohl nicht so richtig klar, wo es genau lang geht, und wir verfolgen auf einem mitgebrachten GPS-Gerät, wie er so manchen Kreisel über Tianjiner Autobahnen fährt. Wie dem auch sei, wir kommen schlussendlich doch im Hotel an und fahren dann nach kurzer Pause zum Saal weiter. Das Konzert macht großen Spaß und wir genießen es noch einmal richtig, hier in China für 2.000 Chinesen im Saal Musik zu machen. Nach zehn Konzerten in zwölf Tagen fällt also heute der letzte Vorhang, kaum zu glauben. Danach lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, noch ausgiebig auf diese tolle Konzertreise anzustoßen.

Do/Fr, 03.- 04.01.2013: Tianjin – Peking – Berlin – Hannover

Der Abreisetag ist gekommen. Wie schon auf dem Hinflug, fliegen wir getrennt über Wien oder Amsterdam, dieses Mal sogar in drei verschiedenen Gruppen. Nach dem Frühstück fahren wir zum Flughafen Peking, mit dem wir mittlerweile schon gut vertraut sind, wir waren ja schon drei Mal hier. Alles läuft zügig ab und glücklicherweise sind auch alle Flüge pünktlich. Kurze Verwirrung gibt es, als einige unserer größeren Instrumente für die Langstrecke plötzlich als Handgepäck mit in die Kabine sollen. Der österreichischen Kabinenbesatzung hat das vom Bodenpersonal aber anscheinend niemand gesagt. Es findet sich schlussendlich eine gute Lösung, das ein oder andere Euphonium darf die Vorzüge der Business-Class genießen. Der Rückflug wird damit verbracht, erste Fotos auszutauschen und diese intensive Zeit Revue passieren zu lassen. Je nach Umstieg genießen einige von uns auch noch ein Bier an den Grachten der Niederländischen Hauptstadt, bevor wir alle in Berlin eintreffen. Dort wartet schon der Feuerwehrbus und bringt uns zurück nach Hannover, wo wir am frühen Freitagmorgen eintreffen.